Bin München glücklich entkommen!

Der Urlaub ist rar und kostbar.
Die Planung beginnt schon früh aber Dinge ändern sich manchmal.
Mein erstes geplantes Reiseziel war weg und so entschied ich mich für ein Ersatz:
3 TAGE MÜNCHEN
Ein bezahlbares Hotelzimmer zu finden war wieder erwarten doch easy.
Ok, vielleicht ist in dieser Zeit – Mitte Juni – in der Stadt kein Großereignis und damit meine Preisklasse im Keller.

Also Anreise – durch das kryptische Labyrinth am Hauptbahnhof – das Ziel finden – den Unterschied zwischen S-Bahn und U-Bahn erkennen und die Vorteile abwägen – das Falsche wählen – am Ostbahnhof rat- und rastlos das Gleis, die Etage und den Anschluss suchend – kam ich endlich im Bahnhof Trudering an, fand schnell den Weg entlang Öko-Neubauern – und durch den Abkürzungsweg ( glaube dem Navi nicht ALLES) und dank dem sachdienlichen Hinweis einer Mitarbeiterin einer Bäckerei , die extra aus dem Geschäft kam und mich anrief – musste sehr deppert mit Koffer, Handy und Fragezeichen-Gesicht ausgesehen haben – auch glücklich den Hoteleingang gefunden.

Drei Tage in einer Metropole ohne festen Vorhaben und gesicherte Termine. Mein einziger Plan war der Besuch von Ausstellungen. Die Orientierung war dank Smartphone doch recht einfach, nur der Weg dahin nicht. Denn in München wird gebaut. Und es war eine Affenhitze!

Der Hauptbahnhof ist Innen und Außen  eine einzige Baustelle. Teile sind gesperrt, Umleitungen und Irrwege, weil z.B: Ausgänge gesperrt sind. Die Menschen eilen durch die Gänge und Flure. Eine emsige Geschäftigkeit bemächtigt die Reisenden und Flanierer. Es vergeht keine Fahrt auf der Rolltreppe, ohne dass Leute hektisch an einem vorbei laufen. Aber das ist so in jeder Großstadt,

 

Die U-Bahn-Station „Sendlinger Platz“ ist eine kolossale Baustelle. Dieser Eindruck ist nicht zu verbergen – hier gibt es nur Baugitter, Umleitungen, Sperrzäune und  Hilfsrampen. Die Kabel hängen verkleidet an der Decke, Neue und alte Abgeschnittene und auf den Trockenbauverschalungen, sind die Umrisse mancher gespachtelter und geschliefene  Gips-Schellen mit Stiften von unbekannter Hand zu kleinen Meisterwerken veredelt. Meistens zu kleinen Mäusen oder Affen. Auch ich habe hier eine kleines Denkmal gesetzt – der Gipsfleck hat mich sofort an die Umrisse einer Blondine erinnert – und schnell den Stift heraus und zack die Augen -zack den Mund – ein Ohr und natürlich die Brüste – und bums – schon kam die Metro und Adieu Kunstwerk!

Durch die Hitze über 30 Grad war natürlich ausgedehnte Strapazen tabu. Besonders in der Mittagsglut suchte ich schattige Orte in Parks rund um die Pinakothek auf und beobachtete die Jugend, die hier lernt und studiert um unsere Zukunft zu sichern! Diese hier aber  waren nicht daran interessiert, dass Bruttosozialprodukt wesentlich zu vermehren.

Der Ernst des Lebens ist  an den Mitarbeitern der Museums zu beobachten, die teilweise in größerer Zahl als die Besucher in den Räumen waren und je nach Herkunft und Integration sich mit den Kulturgütern befassten, die sie bewachten und dem staunenden Gästen präsentierten, oder doch mehr den Gruppenkontakt mit Gleichgestellten suchten oder ihre sozialen Kontakte online pflegten.  Doch nicht nur in den Museum der Modernen Kunst, die mit großflächigen Exponaten anerkannte Meister ihrer Zunft aufwarteten, die unterdurchschnittlichen Kinderzeichnungen nicht unähnlich sahen, ebbte das Interesse von den Anwesenden jäh ab, und in vermeintlich unbeobachteten Momenten, sank die Aufsichtsperson  auf das bereitstehende Kanapee oder belustigte sich mit seinem Smartphone, nur aufgeschreckt, wenn ein einsamer kunst-sinniger Besucher um die Ecke kam. Das einige Museum mit der Ausnahme von dieser Regel, die ich in ganz Europa beobachtete, ist die Berlinische Gemäldegalerie. Dort hat wohl die Gewerkschaft der Aufsichtspersonen das Recht durchgesetzt, dass ihre Mitglieder in bereitstehende Klappstühle setzten dürfen und nicht durch die Anwesenheit von Besuchern gestört werden dürfen. Ich finde das übrigens in Ordnung. Warum sollen sie nicht sitzen, wenn sie stundenlang Dienst haben. Und wenn der Gast eine Frage hat, wird ihm schon geantwortet. Also Klasse! Berlin!

 

Um nun auf den Titel des Blogs zu kommen: Der Abreisetag.

Ich komme auf den Hauptbahnhof und finde, dass der beabsichtigte Zug offensichtlich sehr beliebt ist. Dutzende Leute stehen da und warten auf den Einzug des Zugs. Leute mit kleine und großen Gepäck, Trolleys, Rucksäcken, Koffern, Fahrrädern, Kinderwagen, Bierkästen, Schlauchbooten, Segeltuchtaschen.

Der Zug schob die Abteile in den Sack-Bahnhof langsam herein. Die letzten Waggons hatten die Aufschrift Praha – Prague – Prag! Kaum kamen die Coupes zum stehen begann der Wettlauf auf Platz und Sieg. Ich eilte den Bahnsteig entlang, fand aber kein Abteil mit dem Namen meines Zielbahnhofs – Hof! Entschloss mich erst nach Prag zu fahren und dann .. mal schauen! Durch Glück bekam ich den letzten Sitzplatz auf einem Not-Klapp-Sitz. Immerhin. Den nun begann eine Odyssee von Reisenden, die an meinem Platz vorbei den Gang entlang hasteten. Auf der Suche nach einem Sitzplatz. Ich kannte keinen der Leute aber manche erkannte ich wieder, wenn sie auf dem Rückweg an mir wieder vorbei kamen. Es waren einzelne Reisende beiderlei Geschlechts, kleine Familien mit nörgelnden Kinder, große Familien südländischer  Abstammung mit ruhigen fatalistisch blickenden Kindern, Frauengruppen mit Taschen und Blumen, Männergruppen mit Blasmusik und Bierkästen und so weiter und so weiter.

Meine Mitreisende in den Abteil waren eine Ehepaar auf der Fahrt in den Urlaub, eine Oma auf der Heimreise und ein unauffälliger junge Mann. Ich versuchte durch kleine witzigen Einwürfen zum Nachteil der Reisenbahnbetreiber die Reisesituation zu entspannen, was auch durchaus freundlich erwidert wurde, aber dennoch kam es über die lange Reisezeit zu ermüdenden Pausen.

Das Ehepaar fuhr nach Prag, dem Ziel und Zweck dieses Zuges. Ich weiss nicht, ich hätte den Mann sofort als typischen Tscheche auch ohne Nachweis gehalten, aber nein, sie waren noch nie dort und ihr bayrischer Dialekt lies auf Einheimische schließen. Hätte gern den Mann gefragt, ob er eingewanderte Vorfahren habe,allein der Anstand hielt mich zurück. Manchmal ist der Physiognomie eines Menschen für mich Indiz für die nationale Herkunft. Aber das sind nur Phantasien, den in der heutigen Zeit ist der Wandel die Regel und niemand hat Anspruch auf eine reinen Stammbaum bis Adam und Eva.

Natürlich gäbe es noch viel zu berichten, von der kleine Gesellschaft in dem  Coupe mit den 3 Stofftuchsesseln und den 2 Klappsitzen, der versagenden Klimaeinrichtung, dem Herren, der sich in den Gang stellte und sein Gepäck in die Gitter über den Sessel  -ohne zu fragen – abstellte, von dem  Mann mit dem Äußeren eines Vertreters der Unterschicht, der sich einfach in den Gang fletzte , mit dem Rücken genau an der Durchgangstür; von dieser Durchgangstür, die mittels Knopfdruck automatisch zu öffnen war und dem Unvermögen vieler Reisenden – vornehmlich älterer Damen – dies auch so zu tun und eher lieber mit Gewalt an dem Knauf zerrten, kurz es gäbe noch so viel zu erzählen, aber es kam der Umsteigebahnhof.

Der Betreiber „AleX“ hat spontan und kurzfristig einen kompletten Zug für die Reisenden in den Norden bereitgestellt ,den selbst meine Bahn-Navigator –  App nicht kannte und es begann der Lauf von Bahnsteig 2 zu Bahnsteig 1. Denn dazwischen war eine Unterführung. Und da die Leute nicht wussten, wann der Zug abfährt, rannten alle wie um ihr Leben.

Das war auch das Aufregendste an diesem Teil meiner Reise, denn ich hatte noch zwei Umsteige vor mir. Nach einer grandiosen Fahrt durch die bayerische Mittelgebirgslandschaft erreichte wir Hof und ich suchte nun mein Abfahrtsbahnsteig 1 b.

Der war etwas außerhalb dem was als Bahnhof gelten kann. Die Verbindung in abgelegene Regionen von unbeliebten Bundesländer gilt als exotisch und damit fristet es ein Randdasein.

Genug Reisende um zwei Triebwagen zu füllen wurden gefunden und eine junge Punkerin mit Irokesen – Haarschnitt und Ohrenringe öffnete dei Fahrertür, legte mehrere Schalter um und  starte der Koloss souverän und wir fuhren durch das Vorland in Richtung Thüringer Wald.

Die Gegend, die am Fenster vorbei flog wuchs allmählich im Grünton an, durchbrochen von Fetzen Gelb und Blau bis hin zum Hell braun. Wir fuhren ewiglich durch den Wald und hatten ziemlich Tempo drauf. Wer plante, diese eine Station zu wandern, sollte sich auf einen Tagemarsch gefasst machen.

Aber die meisten Mitreisende hatten nur Augen für ihr Smartphones, dass sie ständig penetrierten. Ich bildete mir ein, sie hätten Messgeräte für Luftdruck, Strömungsmenge, Distanzen, Isobare, Beschleunigung oder Hydro-  bzw. Barometer und wären ein Teil einer Forschungsgruppe, die die Auswirkung von beschleunigten Festkörpern auf die Massenpsychose unter Feldbedingungen von schwach Oxidation leeren – Raum in ländlicher Umgebung ohne direkte Infiltration durch animalische Störfaktoren.

Und dann mitten im Nichts – wir standen! Eine freundliche Computerstimme sagte uns, das wir auf Grund eines unbekannten Grundes auf unbestimmte Zeit nicht weiterfahren.

Mein erster Gedanke war ob der Proviant reicht. Dummerweise habe ich den größten Teil schon gegessen, aber ich hatte genug Wasser für eine Mittelgebirgs-Querung und Gott sei Dank noch das Frühstück für den arbeitsfreien Sonntag mit. Die anderen Reisenden machten mimisch keinen Glücklichen, aber auch keinen verzweifelten Eindruck. Manche schienen , versunken in ihr Mobilteil, die Situation gar nicht verinnerlicht zu haben. Meine Panik hatte ich übrigens unter der Maske der gelangweilten Gleichmut verbergen versucht, aber es half nichts, meine Anschlusszug konnte ich wohl vergessen. Ich wollte den nächsten Zug heraussuchen – ufz – Funkloch und keine Chance.

Dann ging es doch weiter. Wir fuhren wieder mit chaotischen Tempo durch die grünende Flur. Langsam kam auch bewohntes Gebiet in den Fokus. Die Computerstimme informierte mich, das es ein Bedarfshalt ist und wenn ich den Drang verspüre im Nichts aussteigen zu wollen, solle ich jetzt den Knopf drücken. Ich verspürte natürlich kein Drang aber der Zug hielt doch. Wieder wuchs die Abstandszeit zu dem Anschlusszug.

Wie aus dem Hut gezaubert kam plötzlich die Zugbegleiterin und kontrollierte unsere Fahrkarten. Natürlich war die Verspätung ein Thema. Ich erfuhr, dass Mitreisende noch größere Anschlusspläne hatten und die Verspätung stoisch aufnahmen. Ich hatte jetzt erfahren, das ich eine Stunde später weiterfahren konnte. Weniger als eine Stunde, die Verspätung angerechnet. Ausreichend für einen Kaffee bei dem örtlichen Bahnhofsbackstand. Die Schaffnerin war sehr engagiert und versuchte alles ihr Mögliche zu machen. Aber es war wie der Blick in die Glaskugel und mit jeden zurückgelegten Eisenbahnmeter kam die Hoffnung auf ein Wunder auf.

Ich entdeckte, dass mir unbekannte menschliche Niederlassungen fast fünf Bahnhöfe mit Halt hatten und jedes mal hielt der Zug und wollte nicht weiter. Doch es ging immer weiter. Langsam kamen auch mir bekannte Vororte und auch bald mein Umsteigebahnhof in Sicht.

Wir hielten auf Bahnsteig 4b mit zehn Minuten Verspätung und ich eilte zum Ausgang, den Duft des Kaffees schon in der Nase. Doch was war das – dort auf Bahnsteig 3b stand doch ein Zug. Ich eilte hin und der Zugführer, der aus dem Bullauge schaute, riet mir schnell einzusteigen.

Kaum drin fuhren wir los. Ein Wunder. Hinter mir im Abteil hörte ich eine Stimme, die mit einem unbekannten Gegenüber telefonierten.

„Wir mussten zehn Minuten auf den anderen Zug warten. Ich komm dann später an. Hole mich ab, ja?“

Ufz- nicht mein Problem. Ich genoss die Fahrt, die Landschaft und mein Glück, doch noch eher zurück zu kommen. Zeit nach dem Proviant zu schauen und mein Smartphone zu konsultieren. Es war eine ruhige Fahrt durch gottverlassenen Gegend und eine an Mitreisenden arme.

Wir kamen an den Bahnhof, den ich vor 3 Tagen aufgesucht hatte, um über Nürnberg nach München zu fahren. Bin wieder kontrolliert worden und wartete, dass erfahrungsgemäß bei dem nächsten Stop das Abteil voll würde, weil in dieser Stadt Unmengen Studentinnen und -enten wohnen die gerne mit der Bahn verreisen.

Ich hatte durch aus kein schlechtes Gewissen, worüber auch. Für mich war das eine toller Zufall und keine Absicht. Wie denn auch. Mein gegenüber, zwei junge Studentinnen, freuten gerade über ein sessional blühendes Feld: „Oh Poppy-Flowers!“ Es wurde Zeit für mein Ausstieg. Ich freute mich über die ausgestandene Reise und meine glückliche Ankunft. Hier verließ ich den Zug und seinem weiteren Schicksal. Doch plötzlich kam mir das Bild wieder vor Augen, als ich abgehetzt im Anschlusszug aus dem Fenster schaute, gegenüber die nette Zugbegleiterin lächelnd in Richtung Lokführer meines neuen Zuges blickte, lächelte und anerkennend den Daumen als Geste der für Lob und Zustimmung hob.

Doch plötzlich kam der Zugführer mit den Worten auf mich zu „Da ist er doch“ (Hä – unbändiges Staunen meinerseits) „Wegen Ihnen haben wir in Gera gewartet, das sollten wir doch nicht. Wollten sie überhaupt in den Zug?“ Ich bejahte. „Was haben Sie denn gemacht, dass wir zehn Minuten gewartet haben“ „Ah, -nichts-!“ „Haben Sie überhaupt eine Fahrkarte“ „Nein“ – Ich zeigte dem Lokführer meinen Ausweis mit Wertmarke, so was hatte er offensichtlich noch nie gesehen, sich aber von dem Dokument beeindruckt gezeigt. „Na irgendwas müssen Sie doch gemacht haben! Vielleicht angerufen?“ „Nein“ Aber mir schwan-te was. „Na sind sie jetzt im richtigen Zug“ „Ja, vielen Dank“ Er entfernte sich und kurz darauf setzte sich der nun volle Zug in Bewegung.

Sollte sie vielleicht angerufen haben….?

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