Reisen bildet…(Teil 1)

und wenn sie gut war war sie mehr als nur Einbildung. Das Besuchen fremder und bereisen fremder Länder, erweitert mehr als nur den eigenen Horizont. Unbekannte Kulturen, exotische Küche und Traum-Strände zum All-in-Inklusive-Tarif locken in den Angeboten der Reiseagenturen.

Na mir reichen schon europäische Gefilde und überschaubare Ziele. Es ist mir lieb zu erfahren, dass das europäische Ausland gar nicht so anders ist, als wir hier in Zentral-Europa in unserem Deutschland. Da sind die Unterschiede vielleicht noch größer.

London-Eastside

Meine Touren durch Deutschland unternehme ich abseits der Hauptreisezeit. Ich suche mir eine Stadt, besser eine Metropole und darin ein preiswertes Hotel für meine Aufenthalt. Da ich nur meine Tage in den Kultureinrichtungen zu verbringen gedenke, reicht eine Bleibe am Rande der Stadt. Von dort starte ich meine Unternehmungen, auch gern abseits ins Land hinein.

Ich plane an Hand des Internets meine Etappen, der Öffnungszeiten und den Weg dahin. Dabei besuchte ich schon die Ecken um Berlin, Hamburg, Stuttgart, München, Essen oder wie jetzt, Frankfurt am Main.

Street-Art am Hauptbahnhof Halle/Saale

Von Frankfurt, selbst üppig in Sachen Kultur bestückt, fuhr ich nach Wiesbaden, Mainz, Darmstadt und nach Koblenz. Dank des hervorragenden Nahverkehrs war das ohne weiteres per S-Bahn möglich.

vom Zug aus fotografiert

Also entlang des Rheins, den mein heutiges Ziel war Koblenz. Mit dem überfüllten Zug im Hitzestau, dass zehre nicht nur an die einheimische Nerven. Mein Plan war die Reise und daher hatte ich keine Probleme mit dem Transport. Ich lernte die Leute in diesem Teil kennen. Nach meiner Herkunft befragt, wusste die meisten von dem fernen Bundesland, das keiner kennt. Eine Frau sagte mir, sie sei vor 40 Jahren aus der Zone ausgewandert und lebe nun hier mit Familie.

Zu diesem Thema habe ich noch eine Anekdote: Diese Ticket nur im Inland gültig ist, stieg ich in Kehl aus und vor dem Bahnhof ist die Haltestelle für die Tram, die nach Strassbourg fährt. Am Automaten war ein junger Mann, der bereitwillig den Reisenden half, das richtige Ticket zu ziehen, da der Automat nur französisch kann. Es stellte sich heraus, der Mann war von der Bahnhofsmission in Kehl. Toll. Auch mir half er. Und noch den Tipp zu Fuß über die Brücke zu laufen, weil die Tram auf der anderen Seite eher kommt.

Bahnhof Kehl

Ich traf ihn wieder, als ich auf dem Bahnsteig bereit zur Rückfahrt stand. Ein Mann mit Fahrrad beschwerte sich, das der Aufzug nicht ging. „Doch“ sagte er,“ aber nur runter!- Es ist kurios, der Aufzug geht nur in eine Richtung“ Das hat den Mann nicht beruhigt und er ging schimpfend und fluchend weiter.

Ich sprach nun mein Mann an und dankte ihn für die Hilfe vom Vormittag.Wir kamen dann ins Gespräch – woher-wohin-Urlaub – Kehl – Strassbourg – Tram -Automaten. „Wieso heißt es eigentlich Münster Strassbourg und nicht Dom oder Kathedrale?“ Nun ich wusste es nicht, hatte mir aber auch schon mal Gedanken gemacht und Wikipedia aufgerufen. Mein Mann war der Ansicht:“ Münster heißt es wenn die Stadt, wenn es die Bürger finanziert haben, Dom wenn es der Papst bezahlt“(Sic!!unwahrscheinlich)Später outete ich mich,dass ich in Freiburg nur für den Urlaub wohne und eigentlich aus Thüringen komme. Darauf er weltgewandt: „Thüringen, Thüringen das kenne ich. Das ist doch wenn man mit dem Flixbus nach Berlin fährt die zweite Station. Zuerst kommt Bayern und dann kurz nach der Grenze … eh, Leipzig!!“ Ich: „Mmh“ Und dann er kurz darauf:“Ist das Leipzig eigentlich groß?“ Und ich generös (ohne es eigentlich genau zu wissen:“Größer als Freiburg und Kehl zusammen!“ Uh, das saß. Ich fand ihn trotzdem nett.

Das Münster in Strassbourg – Mai 2019

In Routhenburg ob der Tauber traf ich einen Mann in meinem Alter, der vorbei kam, als ich an einer Mauer lehnte und an meiner Maultrommel zupfte. Weiß auch nicht mehr wie wir ins Gespräch kamen, aber er bemerkte sofort an meiner Aussprache, das ich ein Ostkind bin. Er bediente sich andere Ausdrücke und spielte die Klaviatur des überheblichen Westler herauf und herunter und war eigentlich selbst nur ein abgefrackter erwerbsloser Architekt mit offensichtlich Alkohol- und Beziehungsproblemen und in dem weiteren Verlauf unseres Gespräches kam die Vision eines ähnlichen Lebens nur links und rechts des eisernen Zaunes heraus. Wir lernten beide voneinander, dass das Leben, je nach Möglichkeit, genauso vorbei ging und je nach persönlichen Einsatz erfolgreich war oder nicht war. Und ich lernte das das Leben in dem beschaulichen mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber jenseits der Touristen kein Spaß ist und immer schwieriger wird. Und da half auch nicht der Mummenschanz und die Paraden, die die Einwohner am Pfingstwochenende pflegten, indem sie die Einnahme des Ortes durch den Kaiser Karl V im Dreißigjährigen Krieg jedes Jahr wieder und wieder nachspielten.

Pfingstfest Vorbereitung

Diese Unterhalt, so entfernt entzweiend sie begann, währte mit einigen Ortswechsel immerhin zwei und eine halbe Stunde, bis mein Gesprächspartner vorgab pissen gehen zu müssen , denn eigentlich wollte er nur neues Bier kaufen.

vom Zug aus fotografiert

Zurück zum Text meinen Aufenthalt in Frankfurt und Koblenz – – Ich traf eine ältere Frau im Zug von Koblenz nach Frankfurt, und wir waren allein im Abteil. Am Anfang waren noch viele Schulkinder und ältere Pensionäre an Bord, aber nachdem wir die Küste verlassen hatten und in die Berge fuhren, lichtete sich das Coupet. Ich hatte die angespanntere Route durch das Lahntal gewählt und absichtlich die Stecke entlang des Rheins gemieden. Orts unkundig war ich neugierig, welcher größeren Stadt wir uns nun näherten, denn bisher ging es nur durch den Wald, vorbei an Bächen und Bergen. Sie sagte es wäre Limburg an der Lahn.

„Ah, dassss Limburg?“ rief ich, weil unmittelbar zuvor der Erzbischof vom Papst in den Ruhestand geschickt worden, nachdem bekannt wurde, dass er die Kirchenpfründe mit beiden Händen verprasst hatte und in seinem Neubau goldene Wasserspender montieren ließ.

Die Frau bejahte und zeigt mir eine tief verwurzelte katholische Gesinnung, die ihre Grundfeste des Glaubens von so einer Bagatelle nicht beeinflussen liesen. Ich wollte aber auch nicht mehr in sie drängen und mit analytischen Bemerkungen ihren Widerspruch reizen. So bemerkte ich nach einer Weile, dass der Blütenstand der Apfelbäume, an denen wir gerade entlang fuhren, weiter als bei mir zu Hause sei. Sie fragte höflich wo das sei und konnte mit meiner Antwort „Thüringen“ so recht nichts anfangen: „Ist das nicht der Osten?“

Wir plauderten noch eine Weile, bis sie mich im Ernst nachdenklich fragte: „Sind die Leute im Osten eigentlich anders als wir?“ Meine Antwort kam etwas verlegen, weil ich das Gefühl hatte, sie schließe mich mit ihrem „Wir“ auch ein, aber mutig beruhigte ich sie:“Nein, sie sind genauso wie hier. Sie gehen zur Arbeit, lieben ihre Kinder und am Sonntag auch in die Kirche.“

Woher ich meine Weisheit als bekennender Atheist nahm, ist mir bis heute ein Rätsel. Es war schließlich das Jahr 2016 und der Mauerfall beinahe schon dreißig Jahre her. Sie schien für das erste mit meiner Versicherung zufrieden zu sein. Immerhin zwei Jahre zuvor war der Skandal um den Bischof Tebartz-van Eltz und die Sorgen und Probleme der Region bestimmt nicht geringfügiger. Okey, meine Antwort habe ich auch ein klein wenig von dem Sting- Song „Russians“ entlehnt und variiert, mit der Anmerkung, so verschieden seien die Völker doch nicht, schließlich würden auch sie ihre Kinder lieben: the Russians love their children too“

Und es bewahrheitete sich wieder der kluge Spruch von dem von mir seehr geschätzten britischen Autor Graham Green: „Niemand kehrt so von einer Reise zurück, wie er gestartet ist…“

Ups, durch den Anbau des Hotels ist es nicht so einfach zu fotografieren!
Vorher war die Wand leer
Weimar, Amalien-/Humbodtstraße

Ich hätte ihr und mir von den einfachen Leuten erzählen können, die über all gut und schlecht, arbeitsam und faul, satt und gefräßig sind. Die meisten sind zufrieden und/oder die meisten sind es nicht. Die es nicht sind spielen Lotte und die anderen geben ihr Geld für Reisen aus. Für mich war es wieder der Beweis, das reisen bildet und wenn man es nicht tut, dann hat man eben Lücken und verpasst den Anschluss…

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